Andreas Martin jagt einen Lichtstrahl durch die Schlagerszene

 

Spätestens ab dem Sommer des Jahres 2008 war klar, dass das Schlagerpublikum Andreas Martin am liebsten hört, wenn er eingängige, tanzbare Schlager-Popsongs mit romantischen, gefühlvollen Texten singt. Der Sänger, Komponist und Produzent hatte ein Album mit größtenteils tanzbaren Pop-Schlagern aufgenommen und damit einem Wunsch seiner Fans entsprochen. Mit diesem Album – „Mondsüchtig“ – traf er voll ins Schwarze: Die ausgekoppelte Single „Ich fang‘ dir den Mond“ stieg im Frühjahr 2008 in die Single-Charts ein und verblieb dort (mit Unterbrechungen) über ein Jahr lang. Das Album wurde zum bestplatzierten des gebürtigen Berliners in den Album-Charts seit 1987.

            Diese Erfolge zeigten dem Künstler, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Diesen Weg setzt er nun mit seinem neuen Album „Lichtstrahl“ konsequent fort. Einen ersten Vorgeschmack darauf hatten die Fans schon zum Jahreswechsel 2009/10 bekommen, als in den Diskotheken plötzlich eine mitreißende, von Andreas Martin gesungene Diskofox-Version des im Original von den Nilsen Brothers stammenden Evergreens „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“ zu hören war, die nun auch auf dem Album vertreten ist. Den Auftakt macht indes die neueste Single des 57-Jährigen: „Im Himmel ist der Teufel los“ knüpft erkennbar an den Superhit „Ich fang‘ dir den Mond“ an, kommt aber noch eine Spur druckvoller und rasanter daher und gibt damit dem gesamten Album die Richtung vor. „Du hast’n Lichtstrahl durch mein Herz gejagt“, singt Andreas Martin im Titelsong, und genauso jagt gleichsam ein Diskofox-Kracher den nächsten durch das Album: Mit „Immer wieder und weiter“, „Es geht wieder los“, „Nein, ich geb‘ dich nie auf“, „Wenn das alles nur so einfach wär‘“ oder eben „Lichtstrahl“ präsentiert Andreas Martin höchst tanzbare Popschlager-Perlen – eine eingängiger als die andere. Die Kompositionen stammen größtenteils aus seiner eigenen sowie den Federn seiner musikalischen Mitstreiter Michael Buschjan und J.P. Valance. Für die Mehrheit der Texte zeichnet in bewährter Manier Dr. Bernd Meinunger verantwortlich. Die enge Zusammenarbeit zwischen Texter und Interpret zeigt sich daran, dass einige der Lieder autobiographische Züge tragen. So lassen sich „Du bist mein Schlüssel zum Glück“ und insbesondere das anrührerende „Danke für deine Liebe“ als Verneigung des Künstlers vor seiner Ehefrau Juliane verstehen, mit der er seit mehreren Jahrzehnten verheiratet ist und die ihm auch in beruflichen Belangen zur Seite steht. Und wenn Andreas Martin in „Ich glaub‘ immer noch an die Liebe“ von „Weggefährten, die auf einmal zu Gegnern werden“ singt, dann wissen Kenner der Branche, welche leidvolle Erfahrung er in diesem Lied musikalisch verarbeitet.

            Hier schlägt Andreas Martin denn auch ruhigere und nachdenklichere Töne an, genauso wie in dem Song „Was geht ab“, der dezent an das 2007er Album „100 % Sehnsucht“ erinnert. Andreas Martin wäre eben nicht Andreas Martin, wenn er nicht – bei allem Anspruch, ein durchweg tanzbares Album vorzulegen – musikalisch wie textlich für Abwechslung sorgen würde. Lebensnah und sozialkritisch – wie auf seinen Alben „Niemals zu alt“ (2003) und „Wir leben nur einmal“ (2005) – präsentiert sich der Künstler bei laut aufgedrehter E-Gitarre in dem rockigen „Wird Zeit“, in dem er zur Finanzkrise und anderen wirtschaftlichen Fehlentwicklungen Stellung bezieht. Und auch das berühmte Martinsche Augenzwinkern ist wieder deutlich vernehmbar: Mit der Forderung „Bitte mach‘ das Licht an“ bürstet Andreas Martin selbstironisch den Inhalt eines Songs aus seinem Frühwerk („Sie löschte das Licht“, 1984) gegen den Strich  – und erklärt: „Hab‘ einfach Angst, im Dunkeln find‘ ich das Beste nicht“. Um den DJs und Tanzwütigen in Deutschland und auf Mallorca eine besondere Freude zu machen, lässt er das Album mit einem Disco-Fox-Mix und einer fast fünfminütigen Long Version der aktuellen Single „Im Himmel ist der Teufel los“ ausklingen.

            Mit „Lichtstrahl“ hat Andreas Martin seinen Fans den Wunsch nach einem durchweg tanzbaren Album erfüllt. Trotz der Maßgabe, alle Songs in ein diskothekentaugliches Gewand zu kleiden, gelingt es dem Künstler bravourös, sämtliche Register seines Könnens zu ziehen und sich so vielfältig zu präsentieren wie nie zuvor. Gleichzeitig lässt der Facettenreichtum des Albums erahnen, wieviele Ideen auch nach fast 30 erfolgreichen Jahren in der Musikbranche noch im Kopf des Vollblutmusikers herumschwirren. Das Album ist damit mehr als nur ein Hoffnungsschimmer, der weitere Produktionen aus der Hitküche des Andreas Martin erwarten lässt. Es ist ein heller Hoffnungs-Lichtstrahl.

 

Dr. Christoph Schüly, Juli 2010