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Rezension „Tänzer, Träumer, Spinner“

Rezension Andreas Martin: „Tänzer, Träumer, Spinner“ (Telamo/Warner), von Dr. Christoph Schüly


Fans von Andreas Martin und Beobachter der deutschsprachigen Popschlagerszene hatten sich den vergangenen Freirag, 20. Mai 2016, sicher bereits vor Monaten dick im Kalender angestrichen. Schließlich hatte Andreas Martins neues Label Telamo die Spannung auf das an diesem Tag erschienene, lang erwartete neue Album des gebürtigen Berliners schon seit Jahresbeginn immer weiter gesteigert: Bereits im Januar wurde ein Hitmix mit einer Auswahl der tanzbaren Songs aus dem Album an die Diskotheken bemustert, Ende Februar erschien die erste Auskopplung – der ein wenig an die Hits von Fantasy erinnernde, eingängige Diskofox „Warum, weshalb, wieso“.

Spätestens, als am 6. Mai schon die zweite Auskopplung veröffentlicht wurde, war unmissverständlich klar, was in den kommenden Wochen und Monaten von Andreas Martin zu erwarten sein würde: Mit „Der liebe Gott (hat’s mit uns gut gemeint)“ legte er einen Song vor, der alle Qualitäten seiner großen Hits vereint, ohne diese jedoch einfach zu kopieren: Ein höchst melodiöser und einprägsamer Mitsing-Refrain mit einer Titelzeile, die nach dem ersten Hören nicht mehr aus den Gehörgängen will, ein romantischer und gleichzeitig humorvoller Text sowie ein modernes, zeitgemäßes und überaus tanzbares Arrangement. Dabei versteht es der Großmeister des Popschlagers perfekt, durch die „verspielten Samples und eingängigen Oh-oh-oh-oh-oh-Gesänge“ (Zitat der Plattenfirma) neue Nuancen mit bewährten Elementen zu verbinden.

Überhaupt lässt sich der Titel des Albums „Tänzer, Träumer, Spinner“ durchaus auch als Hinweis auf eine gewisse Spielfreude und Lust am Experimentieren lesen. Diese Freude am Ausprobieren neuer Sounds, ohne dabei das Bewährte aus den Augen zu verlieren, ist charakteristisch für die gesamte Produktion: So steht neben „Der liebe Gott“ auch das euphorische und surreale „Horizont“ in der Tradition der großen Andreas-Martin-Hits der vergangenen Jahre. Gleiches gilt für das bei aller Wehmut und Melancholie doch auch optimistische „Erinnerung“. Der seit mehr als drei Jahrzehnten erfolgreiche Künstler setzt in den Arrangements beider Songs aber auch neue Akzente. Ebenfalls erkennbar ist hier die Handschrift von Co-Autor und Co-Produzent Michael Dorth, der – nach vielen erfolgreichen Produktionen beispielsweise für Michael Wendler und die Amigos ­– nun erstmals gemeinsam mit Andreas Martin ein komplettes Album erarbeitet hat. Die Mehrzahl der Texte stammt in bewährter Manier von Dr. Bernd Meinunger, aber auch Thomas Rosenfeld und Andreas Martin selbst haben zur Feder gegriffen.
Mit „Wieder du“ und „Wieder Land in Sicht“ präsentiert Andreas Martin weitere flotte, eingängige Songs, die gleichermaßen radiotauglich wie dazu geeignet sind, die Tanzflächen zu füllen. „Ey, was geht ab“, dem der Albumtitel „Tänzer, Träumer, Spinner“ entnommen wurde, empfiehlt sich mit seinem bestens zum Mitsingen geeigneten Refrain vor allem für die Diskotheken und könnte sich in den kommenden Monaten zu einem Clubhit entwickeln. Die ebenfalls flotten und eingängigen Stücke „Weil es so sein muss“ und „Lass‘ uns leben“ rücken textlich die lebensnahe, pragmatische und zupackende Seite von Andreas Martin in den Vordergrund.

Auf dem neuen Album präsentiert der erfahrene Popschlager-Routinier aber auch wieder verstärkt eine weitere Facette seines Schaffens. Auf mehreren im mittleren bis langsamen Tempo gehaltenen Songs gibt sich Andreas Martin nachdenklich und introvertiert. Hier stechen besonders „Die Farben der Liebe“ und „Warum hast du mir kein Wort gesagt“ hervor, in dem es um Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Mann und Frau geht. Auch „Was ist bloß passiert“, „Erst wenn du gehst“ und „Verdammt lang her“ eignen sich für diejenigen Musikfreunde, die insbesondere die ruhigeren Töne von Andreas Martin schätzen.

Sofern mit dem Albumtitel der Anspruch verbunden ist, ein Werk abzuliefern, bei dem sowohl Tänzer als auch Träumer und Spinner auf ihre Kosten kommen, lässt sich nur ein Fazit ziehen: Diesem Anspruch wird Andreas Martin mit seiner neuen und definitiv vielseitigsten CD der vergangenen Jahre gerecht. Und zwar in vollem Umfang.